Das Goldloch vom Masenberg

Einst lebte in Vorau ein Weber namens Archan, doch die Menschen riefen ihn immer nur Orhan. Und diesem Weber gelang eines Tages das Unglaubliche: Er schaffte es mit Hilfe eines geheimnisvollen Bergspiegels, das Goldloch auf dem Masenberg zu öffnen.

An einem Freitag nach Neumond begab Orhan sich zum Goldloch. Dort entnahm er Zapfen, die aus purem Gold gefasst waren, und füllte damit zwei größere Blechbüchsen. Die nahm der Weber daraufhin mit nach Graz, wo er das edle Metall verkaufte.

Überglücklich über sein abgeschlossenes Geschäft, kehrte der Weber Archan nachhause zurück. Sein plötzlicher Reichtum hatte aber auch einen Preis, denn er hatte sich verpflichten müssen, mit dem Erlös Gutes zu tun und Häuser für seine Mitmenschen zu bauen.

Genauso geschah es. Ein Haus ums andere ließ Archan errichten, und so hatte er bis zur Stunde seines Todes viel bewirkt. Als ihm aber die letzte Stunde schlug und es ans Sterben ging, erschien dem Weber der Teufel in Gestalt eines großen, schwarzen Vogels.

Wieder und wieder flatterte das Tier um das Bett des Sterbenden herum, bis der Mann seinen allerletzten Seufzer tat. Genau da vernahmen die Menschen ringsum ein merkwürdiges Knacksen, das so klang, als würden mehrere Bündel Holzspäne entzweigebrochen – und im selben Augenblick verschwand der schwarze Vogel am Fußende des Bettes.

Heute noch weist eine kleine Bodenspalte an der Westseite des Masenberges, hoch droben am Berg, auf das Goldloch hin. Und man erzählt sich, zwei Männern wäre es gelungen, durch die schmale Öffnung einzudringen und am anderen Ende des Berges, in St. Pankrazen, wieder zum Vorschein zu kommen.

Das versunkene Schloss im Buchwald

Märchenstunde

Tief drinnen im Buchwald, dort, wo bei Vorholz und Riegersberg eine Handvoll Forststraßen durch das Dickicht im Holz führen, stand vor Hunderten von Jahren ein mächtiges Schloss. Die Bewohner des Schlosses waren reiche Leute, und sie waren auch weithin dafür bekannt, besonders hartherzig und grausam gegenüber der Bevölkerung zu sein.

Während die Menschen in den Dörfern ringsum um ihr tägliches Brot zu kämpfen hatten und sich vom Mund absparten, was nur möglich war, führten die Schlossbewohner ein Leben in Saus und Braus. Ja, da wurde im Überfluss geschwelgt und allerlei Laster betrieben.

Eines Tages aber war Schluss damit. Das Schicksal setzte dem Treiben der Herrschaft ein Ende und ließ alles im Boden versinken – das Schloss mitsamt seinen Bewohnern. Seither geschehen Jahr für Jahr wundersame Dinge, denn pünktlich zur Sommersonnenwende öffnet sich die Erde und gibt freien Zutritt zu dem Schloss. Jeder kann dann das Schloss betreten und aus den Schatzkammern nehmen, so viel er mag.

Wirklich jeder?

Nein, der Zutritt ist ausnahmslos Sonntagskindern gestattet – und auch sie dürfen nur solange im Schloss verweilen, bis der letzte Glockenschlag ertönt. Genau da schließt sich das Schlosstor wieder und die Erde darüber auch. Wer den Moment versäumt und es nicht hinausschafft, wird mit eingeschlossen … und muss ausharren.

Wie lange? Bis zur nächsten Sommersonnenwende.

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