Der Mörder Waldhauser und der Papst

Auf der Wildwiese in Miesenbach liegt ein Mann begraben, der den Menschen heute als Heiliger Waldhauser in Erinnerung ist. Doch der Waldhauser war nicht immer ein frommer Mensch, und wie das kam, geht so:

Einst lebte ein übler Bursche im Joglland. Ein wirklich übler Bursche, weil er sogar vor den schlimmsten Verbrechen wie Totschlag und Mord nicht zurückscheute. Sobald er einen Menschen getötet hatte, machte er einen Kerbe in seinen Wanderstock.

Eines Tages aber, als der Stock über und über mit Einschnitten übersät war, ging ein Ruck durch den Mann. Er fing an zu erkennen, was für ein grausames Leben er bis dahin geführt hatte, und so fing er auch an, sich dafür zu schämen.

Schließlich machte er sich zu Fuß auf den Weg ins weit entfernte Rom, um dort beim Papst persönlich um Vergebung für all seine Sünden zu bitten. Als der Mann, Waldhauser sein Name, beim Heiligen Vater ankam, ihm den Stecken zeigte und von seinen Schandtaten berichtete, sagte der Papst, der entsetzt war wegen der vielen Verbrechen:

»Sowenig dieser Stab zu blühen anfangen kann, sowenig wirst du jemals für deine Sünden Vergebung erlangen.«

In seiner Verzweiflung – weil er es ja mittlerweile wirklich ehrlich meinte mit den Menschen – ließ der Waldhauser seinen Stock zurück. Er verließ die Ewige Stadt Rom und marschierte zurück in Richtung Joglland. Auf seinem Weg und auch später, als er angekommen war, bemühte der Waldhäuser sich, den Menschen nur noch Gutes zu tun.

Inzwischen aber war das Unglaubliche geschehen: Der mit Kerben übersäte Stab, den der Waldhäuser in Rom zurückgelassen hatte, begann plötzlich zu blühen. Über und über mit Rosenblüten war er auf einmal bedeckt, und als der Papst dies sah, schickte er sofort Boten in alle Richtungen aus, um nach dem Wanderer zu suchen.

Doch es war bereits zu spät. Einsam war der Waldhauser als Einsiedler inzwischen gestorben. Dort aber, wo er zur letzten Ruhe kam, steht heute die Wildwiesenkapelle, und viele Jahre lang sangen Pilger, die zum Grab des heiliggesprochenen Waldhauser kamen, dieses Lied:

 

Es war ein armer Sünde, der reist der Romstadt zu,

Waldhauser war sein Name, ja, der sich bekehren wollt.

Und als er ist gekommen zu der Romstadt hin,

begehrte e, der päpstlichen Heiligkeit zu beichten seine Sünd´.

Er fing wohl an zu beichten von sieben Jahren an,

er beichtet seine Sünden, die er wohl hat getan.

Der Papst war voller Schrecken, er redet den Sünder an:

»Ei, du, mein armer Sünder, ich dir nicht helfen kann.«

Der Papst, der nahm ein Stabelein, das Stabelein war ganz dürr.

»Sowenig das Stabelein grünen tut, sowenig du selig wirst.«

Der Sünder nicht verzaget und hofft noch immer dran;

er macht seinen Weg wohl weiter und geht von Rom hintan.

»Ihr Berge helft mit weinen und auch ihr tiefen Tal,

beweinet meine Sünden, die ich begangen hab.«

Es dauert gar nicht lange, das Stabelein wurde grün;

es blühn daran drei rote Rosen und auch andere Blümelein.

Der Papst war voller Grämen, er schickt dem Sünder nach.

Da hörte er die Stimme vom Himmel, dass er gestorben sei.

Christus ging ihm entgegen mit einer roten Fahn´,

er zeigte ihm seine Wunden; Sündern, du gehörst mein –

und führ ihn in den Himmel ein.

Warum die Wildwiese Wildwiese heißt

Märchenstunde

Vor langer, langer Zeit trieb in Miesenbach ein tobender Ochse sein Unwesen. Alle Menschen fürchteten sich vor ihm, denn der Ochse trieb es wirklich bunt – und so getraute sich auch niemand etwas gegen ihn zu unternehmen.

Ob Menschen oder Tiere, alle wurde sie seine Opfer, wenn den Ochsen das Närrische überkam und er drauflostobte. Dann aber taten sich ein paar mutige Burschen aus Miesenbach zusammen und sagten:

»Das Treiben des Ochsen muss ein Ende haben!«

Sie beschlossen, das Tier zu fangen. Also sägten sie einen mächtigen Baum an, lockten den Ochsen herbei, und als der schnaubend und mit Schaum vorm Maul auf sie losstürmte, schnitten sie den Baum vollends um, sodass er geradewegs auf das wilde Tier stürzte und es unter sich begrub.

Endlich war das Land von der Plage befreit – und jene Stelle, wo die Burschen dem Ochsen den Garaus machten, heißt heute noch so:

Wildwiese.

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